Räumliches Kräftemessen

Ira Oppermann

Das individuelle Sein in seinen Metamorphosen zu beleuchten bildet den Grundakkord der Werke von Veronika E. M. Blum und Albert Maria Pümpel. Vis a vis stehen Blums mittel- bis lebensgroße Holz- und Stahlplastiken Pümpels Gemälden in Klein- und Großformaten gegenüber. Die Konfrontation ist harmonisch, erzeugt aber dennoch eine feine Spannung, die auf der unterschiedlichen Herangehensweise der Künstler beruht.

Pümpel, der in etlichen Malgängen seine Figuren mit Ei, Öl, Schellack, Kaffee oder Rotwein auf die Leinwand schichtet, sucht Formen und Farben aus seinem Inneren herauszuschütten. Dabei verlagern sich die Konturen des vorab skizzierten Modells;(1) zum Teil können neue Gebärden oder sogar neue Figuren entstehen. Pümpel folgt also keiner festen Linie, sondern den jeweiligen Gefühlslagen, in denen er Themen wie Tod oder Frau befragt. Hierfür nutzt der Künstler auch Gemälde anderer Meister als Ansatzpunkt. Beispielsweise bezieht er sich in Christus nach Mantegna von 2005 auf jenes Bild des Renaissancekünstlers, das für die Darstellung der extremen Verkürzung von Christi Leichnam berühmt ist. Selbstverständlich reagiert Pümpel auf den linearen Mantegna farbig: Während der hinten gelagerte Kopf sich mit der braunen „Farblache“ verdichtet und optisch nach vorne kommt, schiebt sich der vordere Teil mit dem dominierenden Weiß von Leichentuch und Umgebung nach hinten.

In seiner markanten Art interpretiert Pümpel auch berühmte Persönlichkeiten wie etwa im vielgesichtigen Bildnis Thérèse de Lisieux von 2004 oder reagiert wiederum auf bereits dargestellte Porträts wie bei den Römerinnen (1997-2005) und der Ägypterin (2006) mit ihren charakteristisch großen Augen.(2)

Blum nimmt dagegen gefundene Objekte (objet trouvé) oder artefaktisches Material zum Ausgangspunkt für ihre Plastiken, die prinzipiell auch die Größe eines Fußballfeldes erreichen können.(3) Für ihre Materialsammlung begibt sich die Künstlerin gezielt in bestimmte Reservoirs: Alte Bauernhöfe und Eisenbahnplätze mit rissigen, spröden Holzstücken und rostigen Metallen interessieren sie ebenso wie Reste der metallverarbeitenden Industrie. Für Blum ist immer der ästhetische Reiz des Materials und die Aura des einzelnen Fundstücks entscheidend. Zum Beispiel bot eine Mole mit tief konkaver Wölbung der Künstlerin den idealen Raum zur Schaffung für ihr Stillleben mit Flasche von 1999. Hier fand eine mit funkelnden Farbpigmenten versehene Gasflasche in einer Stahlhalterung ihr Zuhause. Diesem – einem Feuerlöscher ähnelnden – Arrangement wurde schließlich mittig das rechteckige Messingteil einer Präzisionsmaschine eingebunden. Alle Gegenstände hat Blum durch ihre Wahl erhöht und in einen neuen Sinnzusammenhang gesetzt, sodass der Betrachter unbewusst neue Räume betritt.

Beispielsweise umfasst das Stillleben drei unterschiedliche Zustände: einen ausgedienten Behälter für Gemüse und Mehl, der neben der Holzmaserung sein langes Leben durch den Längsriss und die schwärzlichen Gebrauchsspuren zeigt, eine ebenfalls alte, aber farblich neu belebte Metallflasche und schließlich ein edles, eventuell noch gebrauchsfähiges Messingutensil. Während Blum hier die Mole zum Raumuniversum werden lässt, beziehen Plastiken wie etwa die 1996 entstandenen Kopf oder Goliath stark ihre räumliche Umgebung mit ein. Goliath, der sich aus unendlich zahlreichen Stahlstangen, Schrauben und Ringen aus dem Gleisbau zusammensetzt, wäre ein Gerippe, wenn nicht die Raumfläche zwischen den vertikalen Stäben seine Masse wesentlich mitbestimmen würde. Anders erobert sich Blum mit ihrer Puppe (1996) aus polierten Stahlzylindern den Raum. Das bewegungsfreudig wirkende Objekt scheint von alleine auf uns zuzukommen. Darüber hinaus geben die kurzen, kompakten Röhren nicht nur Durchblicke frei, sondern nehmen auch durch ihre polierte Außenhaut das Umfeld, und damit den Betrachter, auf.(4)

Derartige Bezugspunkte kann naturgemäß ein Bild nicht leisten. Eine Widerspiegelung lässt sich nur durch die Identifikation mit einer Figur erreichen, die Pümpel dem Betrachter vornehmlich in schemenhaften Figuren wie in Entfesselt von 2004 anbietet. Aber auch das farbintensive und kontrastreiche Bonnard-Mädchen (2006), das die zeichnerische Vorlage des Franzosen im Vagen belässt, besitzt diese Allgemeingültigkeit.

Durch die Methoden beider Künstler drückt sich ein essentieller Unterschied ihrer Arbeiten aus: Während Pümpels Gemälde deutlich von seiner Handschrift – und damit von seinem persönlichen Wesensanteil – geprägt sind, stellt Blum ihre Persönlichkeit in der Plastik meist hinter die Objekte: Die Dinge sprechen aus ihrer Biographie, die Erlebtes eindringlich visualisieren. Das gleiche Prinzip bestimmt auch Blums OEuvre der Frottagen: Hier werden plane Metallteile mit Druckfarben mittels Walztechnik mehrschichtig auf Papier übertragen. In Faun tanzend oder Faun im Angesicht von 2004 mit assoziativen Gesichts- und Körpergefügen dominiert intensives Indigoblau, dem sich Violett und Weiß unterordnen. Diese Frottagen bilden die Umrahmungen eines Finca-Fensterladens, der – gleich einem Retabel – ein faszinierendes Spiel von Öffnen und Schließen zulässt.

Die Gegenüberstellung von Blums und Pümpels Werken veranschaulicht einerseits ihre metamorphische Verwandtschaft: Vielschichtigkeit, Transparenz und Veränderungen prägen ihre Arbeiten. Auch die Vorliebe für räumliche Erfahrbarkeit, von der Blums Montageplastiken durchdrungen sind, findet sich in Pümpels Gemälden mit ihren – teilweise sogar durchsichtigen – Farbräumen. Andererseits erhält die Präsentation durch die abweichenden Ansätze der Künstler eine lebhafte Dichte und gegenseitige Zugkraft. Für den Betrachter wandelt sich das räumliche Kräftemessen in eine Neuvermessung der Welt.

(1) Bei anderen Gemälden beginnt Pümpel stellenweise mit sogenannten „Farblachen“. Der vom Künstler selbst geprägte Ausdruck bezeichnet inselartige Farbaufschüttungen.

(2) Ebenso hat sich vor 100 Jahren Paula Modersohn-Becker für ägyptische Mumienporträts begeistert und mit ihren letzten Porträtdarstellungen an diesen angeknüpft.

(3) Auf diese Maße läuft Blums CampGonon-Projekt hinaus, das ein nach unten gerichtetes, gleichseitiges Dreieck und einen Halbkreis als Basisformen aufweist.

(4) Im Sinne von Walter Gropius, der meinte „das Endziel aller bildhauerischen Tätigkeit ist der Bau“, drängt es Blum – nach Arbeiten wie Goliath und Puppe – zu großangelegten Architekturplastiken.